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Leseprobe zu:
Das Terrain, die Wurzeln und die Geschichte:
In der gesamten
Landwirtschaft inklusive Weinbau hat sich insbesondere nach der Beendigung des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) ein unglaublicher Wandel vollzogen. Gerade wegen dieses Wandels scheint es mir angebracht, die Situation im Ort vor und nach diesem
Weltkrieg etwas ausführlicher zu beschreiben. Im Kriegsjahr 1943 wurde der Dorfbach verdolt unter die Erde verlegt. Dieser war im Normalfall immer nur ein relativ kleines Rinnsal, steigerte sich bei entsprechenden Gewitterregen aber
schnell zu einem reißenden Bach. Die Weinbaufläche ist im selben Jahr mit noch rund 20 Hektar verzeichnet. Die Vermarktung des Weines lag fast gänzlich in den Händen des Handels, welcher dies auszunutzen verstand.
Langsam, aber beständig entwickelte sich in den Dörfern, so auch in Nordweil, verarbeitende Industrie. Es waren vor allem die Zigarrenfabriken, welche die ersten industriellen Arbeitsplätze boten. Da dort vorwiegend Frauen
Beschäftigung fanden, war das für viele Familien ein willkommener Zuerwerb. Auch Nordweil erhielt im Jahre 1890 seine >>Stumpenfabrik<< (Zigarrenfabrik). Zeitweise waren dort bis zu 90 Personen beschäftigt. 1954 war es damit
zu Ende. Zunächst übernahm die Kaiser-Radio-Fabrik das Werk, und einige Jahre später die Frako-Kondensatoren. Seit 1968 gehört es der Metallwarenfabrik Hummel. Die Landwirtschaft blieb ein mühseliges Geschäft. Traktoren
tauchten erst nach dem Krieg auf. Nur wenige Höfe hatten für die Bewirtschaftung der Flächen Pferde zur Verfügung. Ich schätze mal, es waren bei uns im Ort keine fünf. Die Übrigen mussten sich mit Kuh- und Ochsengespannen begnügen. So
war es auch bei uns zu Hause. Wir hatten Hans, den Ochsen, sowie die beiden Kühe Liesel und Waldi, die, wenn sie gerade nicht trächtig waren, wechselweise meist in Kombination mit dem Hans in das Gespann mussten. Gut in
Erinnerung sind mir noch die Befehle, welche die Tiere bekamen. Diese waren einheitlich und allgemein üblich. Ich habe keine Ahnung, wie sie zustande gekommen waren und was ihr sprachlicher Hintergrund sein könnte. >>Hü<<
bedeutete Losmarschieren, >>Oha<< hieß Anhalten, >>Wischt<< hieß links und >>Hot<< oder >>Hodumi<< rechts.
Mein Vater wurde am 7. Februar 1909 als viertes Kind von Arnold und
Amalia geboren. Der Erstgeborene war Wilhelm. Es war verbreitete Sitte, den Erstgeborenen nach dem Kaiser zu benennen. Wilhelm Frank hat später das Wagnerhandwerk erlernt und auch seine eigene Wagnerei betrieben, nachdem er sich mit Hermine,
geb. Frank, verheiratet hatte. Die Wagnerei war aber bald ein sterbender Beruf, so dass der Weinbau, die Landwirtschaft und auch die Lohndrescherei in den Vordergrund rückten. Das zweite Kind war Hedwig. Sie heiratete später den Kenzinger
Bürgersohn Franz Jägle und erlitt ein typisches Schicksal jener Zeit. Ihr Mann kam zwar aus dem Krieg noch nach Hause, er war offenbar aus der Gefangenschaft geflüchtet und hatte dabei den eiskalten Rhein durchschwommen, war aber
gesundheitlich sehr angeschlagen und starb bald danach. Tante Hedwig hatte in Kenzingen ein zerbombtes Haus und fünf kleine Kinder, alle zwischen 1937 und 1945 geboren. Johann, das dritte Kind meiner Großeltern, starb im
Kindesalter an der Ruhr. Ruhr war damals eine gefürchtete Durchfallkrankheit, welche oft zum Tode führte. Ein weiterer Sohn, mein Getti (Patenonkel) Josef Frank, war ebenso wie Wilhelm Kriegsteilnehmer. Er erlernte das Metzgerhandwerk und
bewirtschaftete nach dem Krieg das Gasthaus >>Anker<< in Rust und anschließend eine Gastwirtschaft mit Metzgerei in Würm bei Pforzheim. Bei ihm durfte ich oft meine Ferien verbringen. Der Erfolg solcher Aufenthalte wurde
immer daran gemessen, wie viel Kilo man zugenommen hatte. Auch das war typisch für jene Zeit. In Rust im >>Anker<< gab es damals schon einen Plattenspieler, und die Schlager >>Blaue Nacht im Hafen<< und
>>Die Fischerin vom Bodensee<< sind mir noch in guter Erinnerung. Hin und wieder kann man diese heute noch im Radio vernehmen. Tante Eliese, das >>Küken<<, die Jüngste im Kreis von Arnolds und Amalias
Kindern, arbeitete bei Kaiser-Radio in Kenzingen und verheiratete sich in den späten Nachkriegsjahren mit Paul Krieg in Kollnau....
weiter Seite 17:
An den Einmarsch der Franzosen in Nordweil im Jahre 1945, erinnere ich mich noch recht gut. Da mit Bombardements zu rechnen war, hatten sich meine Eltern und ich mit anderen Nachbarn im Keller von Anton Wacker, jetzt Gruninger,
aufgehalten. Zu dem Zeitpunkt war meine Mutter schon mit meiner Schwester Waltraud schwanger. Der Keller von Anton Wacker (Wacker-Toni) war einer der wenigen, die für geeignet empfunden wurden, einem eventuellen Bombardement zu widerstehen.
Da aber direkt im Dorf kein Widerstand geleistet wurde, gab es auch keine Zerstörungen. So rückten also die Franzosen mit Panzern und Gerät von Norden her in Nordweil ein. Wir verließen den Keller, begaben uns nach draußen
und mein Vater nahm mich auf den Arm. Sein Erscheinen an der Straße war nicht ohne Risiko, denn er war mit seinen 36 Jahren durchaus noch im wehrfähigen Alter und in den letzten Kriegswochen auch zum so genannten >>Volkssturm<<
eingezogen worden. Ein französischer Soldat steckte mir ein paar Rippchen Schokolade zu und die kritische Situation war zunächst einmal entschärft. Der ganze Franzosentross zog nun in das Dorf ein und machte in der Ortsmitte beim Rathaus
Halt. Was nun geschah, entnehme ich aus dem >>Kriegstagebuch von Göhri<<: Um die haltende Kolonne der Franzosen drängte sich eine Menschentraube. Wir würden heute sagen Schaulustige. Die französischen Soldaten
entstiegen ihren Jeeps und Panzern. Dabei verlor einer seine Handgranate, die damit scharf war. Geistesgegenwärtig war sich ein anderer französischer Soldat auf den unmittelbar danach explodierenden Sprengkörper. Er kam dabei ums Leben, aber
den vielen umstehenden Einwohnern und Soldaten geschah kein Leid. Es wurde später, zumindest in Nordweil, sehr wenig über diesen Vorfall gesprochen. Die Frage war oft, warum der Mann die Handgranate nicht einfach weggeworfen
hat. Aber wohin hätte er sie denn werfen sollen? Die Schaulustigen hatten das ganze Geschehen ja vollständig umringt. Durch sein Opfer wurde mit großer Wahrscheinlichkeit das Leben mehrerer Dorfbewohner gerettet. Nicht auszudenken, wie die
Begebenheit sonst eskaliert wäre! Es war also ganz gewiss eine absolute Heldentat! Augenzeugen berichteten später, dass der Soldat im Todeskampf nach seiner Mutter gerufen habe. Er war offensichtlich algerischer oder marokkanischer
Abstammung. Wir hatten in Nordweil in der Nachkriegszeit so viele Straßen neu zu benennen, einmal erzwungen durch die Gemeindereform und zum anderen durch die allgemeine Bautätigkeit. Warum kam eigentlich keiner auf die Idee,
eine Straße oder einen Platz nach diesem Helden zu bezeichnen? War die Zeit noch nicht reif dafür, weil er ein gegnerischer Soldat gewesen war? Möglicherweise war das Schuldgefühl am Entstehen dieses Weltkrieges noch zu wenig entwickelt, um
einem Fremden die ihm zustehende Ehre zu erweisen. Zumindest in der unmittelbaren Nachkriegszeit hätte man aber den Namen dieses Helden recherchieren müssen. Da wäre es vielleicht noch möglich gewesen - immer vorausgesetzt, man wollte es.
Aber selbst wenn sein Name nicht herauszufinden gewesen wäre, so hätte es sicher eine Möglichkeit gegeben, das Geschehnis in irgendeiner Form zu würdigen. Christian Merz hat fast 60 Jahre später versucht, nachzuforschen, ist aber
offensichtlich nicht weiter gekommen. Es gab im Übrigen noch andere historische Personen oder Institutionen, denen man diese Ehre einer Straßenbenennung hätte angedeihen lassen können. Wir hätten dann halt ein paar Straßen
weniger mit einem Tier- oder Baumnamen gehabt. Ich war ja selbst mal im Ortschaftsrat und im Nachhinein ärgert es mich, hier nie eine Initiative gestartet zu haben..
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